Hotel Albrici in Poschiavo

 

Haus erbaut: 1682
Hotel Eröffnung: 1848
Besitzer: Familie Albrici von 1828-2004. Seit 2004 gehört das Haus der Familie Zanolari

Ort des Hauses: Dorfplatz, Poschiavo
Anerkennung: Historisches Hotel
Gastgeber: Rera Andrea und Valentina Guerranti


Fotorechte: www.revolverblatt.online

Präsenz zeigen? Personal unterstützen? Selber servieren? Unauffällig beobachten? Meine Wenigkeit müsste sich richtig anstrengen, um an die Erinnerung zu gelangen, wo ich das sonst in welchem Hotel jemals so erlebte. Herr Andrea Rera vom Hotel Albrici beweist eindrücklich, was ein Hotelier zu tun hat. Zugegensein, Aufmerksamkeit, Anwesenheit. Vor allem dann, wenn viele Gäste da sind, wie zum Beispiel beim Abendessen. Wenn man sich die Tage kaputt machen lassen will, dann beim Essen.

Ich war dieses Jahr, 2018, zweimal im Hotel Albrici in Poschiavo. Einmal alleine, einmal mit meiner Frau.


Poschiavo mit seinen einmaligen Gassen

Es ist irgendwann Anfang Jahr, da möchte ich eine Übernachtung buchen in Poschiavo. Internet, Booking, TripAdvisor (Bewertungen) durchforsten, alles auf meine Vorstellungen herunterbrechen. Mein Vorgang ist wie immer: Telefonische Anfrage. Nicht schriftlich, denn das persönliche Gespräch sagt mehr aus als jede noch so wundervolle Verkaufsdarstellung eines Hotels. Zum zweiten holt man meistens einen besseren Preis heraus als über Buchungsportale. Hotelier sind nicht dumm, auch wenn einige davon meinen, der Kunde sei dumm.


Empfang mit einer Begrüssungskarte auf dem Tisch; handgeschrieben.

Valentina Guerranti, was für eine Herzlichkeit! Sie regelt alles Administratives im Hotel Albrici in Poschiavo. Im ersten Stock hat sie ihr Büro eingerichtet, hier läuft alles über ihren Tisch. In 2-3 Minuten ist gebucht. Als ich den Hörer auflegte, war ich mir sicher, das werden drei schöne Tage für meine Frau und mich. Ich sollte mich nicht täuschen. Nur das Wetter machte nicht ganz mit


Was für eine Atmosphäre! Wunderbar!

Abendessen in gewölbten Räumen? Wer diese aussergewöhnliche Ambiente auf sich wirken lassen möchte, der ist im Hotel Albrici richtig. Am ersten Abend bestelle ich eine Pizza, weil zahlreiche Gäste davon schwärmten in Beurteilungen. Tatsächlich war sie hervorragend. Auch meine Frau war begeistert vom servierten „Ris cönsc con tonno“. Beim vorgehenden Salat muss ich einen Abzug machen. Nicht der Qualität wegen, sondern weil die Küche mit Sauce unüblich sparte. Übrigens beim Nachbarstisch auch. 

Samstagmorgen, na ja, liegen bleiben bei diesem Wettter wäre schöner. Für das sind wir aber nicht nach Poschiavo gefahren. Morgenessen bis 10:00 Uhr. Wir stehen um 09:20 unten. Ein schönes Buffet erwartet uns. Es hat alles übliche, vieles aus der Region. Kaffee, Kaffee, Kaffee, meine Frau und meine Wenigkeit sind beim Morgenessen Vielkaffeetrinker. Aber nur auswärts. Die Zuständige Servicemitarbeiterin ist wohl ein wenig überrascht. Es klappt aber super.


Cologna oberhalb Poschiavo. Es sah aus als würde der "Weltuntergang" bevorstehen

Poschiavo, es gibt keine Mehrfachwege hier unten. Entweder will man Ruhe und Erholung, oder man sollte die Umfahrungsstrasse nehmen, oder im Zug hocken bleiben nach Tirano. Das Dorf, wie aber das ganze Val Poschiavo, wird nie und nimmer ein Ort des Massentourismus. Hier unten wird kein Hotelier reich. Sie holen ab März bis Oktober ihre Gewinne rein (wenn überhaupt), damit sie nötige Investitionen tätigen können. Wir waren auch schon weiter unten, in Le Prese, auch dort durften wir eine ausgesprochene Gastfreundlichkeit erfahren.


Blick zurück von Cologna nach Poschiavo. Es sah wirklich so aus, denn beim revolverblatt werden niemals Fotos verändert.

So gegen 15:00 Uhr kehren wir zurück von unserer Wanderung. Zuerst duschen gehen, dann ist der Besuch des Museum am Dorfplatz unten angesagt. Doch zuerst ein Kaffee. Nach dem Haupteingang beim Hotel Albrici, empfängt einem links die Bar mit ein paar Tischen. Wir sitzen an die Theke, und geniessen das Kamin-Feuer hinter unseren Rücken. Keine moderne Bar, eher wie vor 50 Jahren. Es passt bombig zum Hotel. Man fühlt sich zurückversetzt in andere Zeiten. Poschiavo eben. 

Wo gibt es das noch, dass man im Hotelzimmer entweder nur lesen, reden, duschen, "turnen" oder schlafen kann? Im Hotel Albrici! Die Zimmer haben kein Radio und kein Fernsehen! Wie wohltuend! So kann meine Frau wenigstens kein Sexfilm schauen, während ich schlafe.

Zweites Abendessen im Hotel. Diesmal bestelle ich  “Tagliata di Manzo alla griglia con rucola e grana e verdure del giorno. Gegrilltes Rindfleisch mit Rucola und Parmesanstreifen und Gemüse. Dazu Pommes Frites. Meine Frau nimmt  „Klassischer Risotto“. Zum voraus einen Salat. Hier fehlte mir wieder ein wenig mehr Sauce. Das Restaurant ist gut besetzt. Auffällig: Einheimische kehren hier ein. Immer ein sehr gutes Zeichen. Auch jüngere sehen wir.


Zum Dessert noch ein Käseplättli

Erfreut hat mich aber am meisten der Hotelmanager und sein Personal. Absolute Präsenz ist angesagt. Freundlich, zuvorkommend. Gehen Gäste heraus, steht Herr Rera zur Verabschiedung bereit. Jedenfalls sah ich das an beiden Abenden. Wünscht man etwas, so muss man nicht lange warten, jemand ist immer „herum“. Auch dann als ich den Kellner darauf aufmerksam mache, ich wünschte (warte)  noch auf mein Cola, und er sich entschuldigte, ja, das sei ihm durchgegangen. 

Abendspaziergang in Poschiavo. Scheisse, es regnet. Egal, wir gehen trotzdem. Eine Angestellte der Bar bemerkts, ruft warten Sie, so können Sie nicht gehen. In drei Minuten haben wir zwei Schirme, vom Hotelchef persönlich im oberen Stock geholt. 

Jetzt wissen Sie, warum ich begeistert bin vom Hotel Albrici. Nicht nur dem Essen wegen.


So sehen die jetzigen Zimmer aus

Zu den Zimmern: Ab 2011 wurden sukzessive alle Zimmer neu umgebaut und vollkommen renoviert. Sie sind gross, mit Dusche und WC. Die Betten (Rohbau) sind die alten, aber genug breit und lang auch für grössere Personen, aber alle mit Super Matrazen, die nicht durchhängen.

Für mich das allerwichtigste: Alles sehr sauber! Kein "Müffelen"!

Die Zimmer liegen sehr ruhig, mit zum Teil gegen einen Hinterhof. Im Sommer würde ich persönlich diejenigen gegen den Dorfplatz nicht nehmen, weil man Abends gerne noch längere Zeit diese einmalige Atmosphäre der Piazza geniesst.


Sehr sauber und sehr gepflegt

Im Hotel selber gibt es ein kleines Museum, wie früher die Leute hier hausten. Gehen Sie hin, und schauen Sie sich das an. Sie kommen aus dem staunen nicht mehr heraus. Alles noch Original!

So sah es früher aus. Man nahm das Abendessen auf vornehmen Tischen uns Tühlen ein. Auch hier: Alles sauber, perfekt geordnet.

Das Val Poschiavo gibt sehr viel her an Ruhe, Erholung, Natur, Beobachtungen, Stille. Ich gebe es gerne zu; es ist uns und unserer Tochter viel wert geworden. Die Anreise ist beschwerlich und lang. Dazwischen sicher zwei Pässe (Albula, Flüela, Maloya, Bernina, je nach Fahrtroute). Das Dorf bietet unglaublich viel, und davon werde ich Ihnen noch dieses Jahr ein wenig erzählen.


Essen im heutigen Albrici. Foto Frühling 2018

Für Revolverblatt: Ihr P.H.